Wie ich den Diabetes erlebte


Das Erste war: Na und - das krieg ich doch hin, wär‘ doch gelacht, wenn ich damit nicht zurecht käme. Obst und Gemüse darf ich essen, na super, kein Problem. Die ersten Kilos sind gepurzelt, meine Kleidergröße wurde kleiner,…meine Haare fielen aus, mir war nur mehr schlecht, ich hatte Hunger, ich wurde aggressiv, und kaum saß ich im Polstersessel, schlief ich ein und der Blutzucker fuhr Hochschaubahn. Falsche Ernährung. Dann kam die Depression. Hinter meinem Rücken wurde mein Mann gefragt, was denn mit mir los sei. Ich dachte ans Sterben ohne Angst davor. Ein Testament schrieb ich ins Tagebuch. Es war für mich ganz einfach, wenn es gepasst hat, Begräbniswünsche zu sagen. Natürlich hab ich mich sehr vorsichtig ausgedrückt, es sollte ja keiner merken, wie es mir geht. Aussagen wie: bist blöd, brauchst an Psychiater, und ähnliches wollt ich mir ersparen. Dazu kam die totale nervliche Überforderung. Noch immer war ich der Meinung. „Ich schaff das.“ Auf jeden Fall habe ich ganz gut funktioniert.
Ein Mann in der Nachbarschaft hat auch Zucker. Seine Frau hat eine Schulung im Krankenhaus Horn gemacht. Mir wurde damals erzählt, es wäre ein Kochkurs gewesen. Auf meine Frage „was kochst du für deinen Mann?“ bekam ich zur Antwort: “Na olawäu wos guits!“ Na, jetzt wusste ich es ganz genau. Mein Hausarzt konnte mir über diesen Kochkurs keine Auskunft geben. Eine Überweisung für die Diabetes-Schulung brachte keinen Erfolg. Diese Schulung gab es nur mit Spitalsaufenthalt. Das hat sich inzwischen geändert. Also alles organisieren für einen Aufenthalt im Spital.
Wir hatten damals vier schulpflichtige Pflegekinder. Am Montag vor Ostern stand ich mit einer Spitalseinweisung vorm Schalter der Internen Ambulanz. Der Arzt meinte, es sei nicht möglich mich aufzunehmen. Ich ließ mich nicht abweisen. Es ist zu Hause alles organisiert, die Kinder haben Ferien, mein Mann hat sich Urlaub genommen, ich bleibe da. Der Arzt war etwas sprachlos, später hab ich ihn nie wieder sprachlos erlebt. Er hat sich die ganze Woche sehr nett um mich gekümmert. Mein HbA1c war auf 13, das ist sehr hoch. Es gibt schon noch höhere Werte. Was dieser Wert bedeutet erfuhr ich erst viel später. Ich konnte die Schulung machen. Es gab viel zu lernen. Was ich für mich kochen konnte wusste ich noch immer nicht.
Das nächste Problem lies nicht auf sich warten: Meine Brille reichte nicht mehr, dabei war sie ganz neu. Der Optiker schaute in seine Kartei und fragte, ob ich vielleicht in der Zwischenzeit im Spital gewesen wäre. Ja, warum? Was hat das mit der Brille zu tun?
„War der Aufenthalt wegen Diabetes?“ „Ja.“ „Keine Sorge, in ca. 2 Wochen ist wieder alles normal.“ Die Adern im Augapfel brauchen nach hohen Zuckerwerten eine Weile um die Zuckerkristalle abzubauen. Wieder was gelernt.
Mit den Unterlagen aus dem KH hatte ich einen kleinen „Werkzeugkoffer“ in meinen Händen. Ich konnte immer wieder nachsehen. Eine Weile ging es gut. Dann eine Infektion, der Zucker stieg. Wieder ins Krankenhaus. Insulinspritzen . Bis jetzt hatte noch niemand in der Familie meinen Diabetes ernst genommen. Jetzt, dachte ich, wird doch die Situation für mich leichter. Denkste!
Was war schwer: „Magst auch ein Stück Schokolade?“, oder: „Warum isst du keinen Germknödel?“ (die esse ich für mein Leben gern) Von jedem Naschzeug sollte ich kosten. „Warum isst du nicht mit?“ Wenn ich Gemüse gekocht hatte wurde gemault. Habe ich aber nur für mich welches gekocht, wollte jeder auch was haben. Salat… „Dir wachsen schon Blätter aus den Ohren.“ Wo bekomme ich Hilfe? In Floridsdorf gab es eine Selbsthilfegruppe. Ich fühlte mich aber nicht so gut. So konnte ich nicht Auto fahren.
Jetzt begann ich wieder zuzunehmen. Das gefiel wiederum meinem Kontrollarzt nicht. Der kannte aber meine häuslichen Probleme nicht. Ich war überfordert. Die Kinder hatten große Probleme. Auf die Frage der Kinesiologin; „Wer braucht mich heute am meisten?“ brach ich in Tränen aus und sagte: „Ich“. Dieser Abend hat mir wieder etwas Kraft gegeben. Auch für die Kinder war es ganz gut zu sehen, dass die Erwachsenen nicht endlos belastbar sind.
Das war ungefähr die Zeit, wo die Selbsthilfegruppe begann. Bei jeder Schulung konnte ich FRAGEN, und das habe ich weidlich ausgenützt. Ich kam von zu Hause weg und konnte immer auch ein wenig durchatmen. Das war Information und Entspannung. Natürlich musste ich immer wieder einmal ins Krankenhaus zum neu einstellen. Durch die guten Schulungen unserer N.Ö. Leiterin konnte ich vieles selbst regeln, und es ging mir immer besser. Inzwischen trage ich eine Insulinpumpe und fühle mich recht gut. Wie ich zu der Pumpe gekommen bin wäre auch eine eigene Geschichte. Aber das war nur ein kleiner Trick, ganz legal. Ein Problem wäre noch das Gewicht.
Mit Insulin und Schilddrüsen-Medikamenten ist das Abnehmen fast unmöglich. Dazu wäre enorme Disziplin nötig und die fehlt mir.
Wichtig ist dabei nur: Es geht mir gut. Es lässt sich mit Diabetes gut leben.
Jeder Diabetiker hat seine Krankheit selbst in der Hand, keiner braucht Angst haben vor dem nächsten Schub, wie bei MS oder Krebs…

Das größte Problem für alle Diabetiker ist:


DER DIABETES TUT NICHT WEH!!!


Darum wird er zu wenig ernst genommen!



Ehepaar Schichta

Angela Schichta

ist Gruppenleiterin

der SHG Horn