Ich und mein Diabetes, oder manchmal auch umgekehrt


Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung. Durch einen Fehler vernichtet das Immunsystem die Insulinzellen in der Bauchspeicheldrüse. Und deshalb müssen Typ 1 Diabetiker ihr Leben lang Insulin spritzen. Es gibt keine Heilung. Ich bekam meinen Diabetes 1995. Es hat eigentlich angefangen wie üblich. Ich hatte ständig Durst und musste ständig aufs WC. Und ich hab natürlich immer das Falsche getrunken. Viel Cola, Cappy und das ganze Zeug mit viel Zucker. Irgendwann konnte ich nichts mehr essen, weil ich alles erbrochen habe, sogar Tee. Bis meine Mutter das Rote Kreuz rief, das mich mit Blaulicht ins Krankenhaus Tulln einlieferte. Ich kam dann mit 700 BZ in die Intensivstation und wurde an 100 Schläuche – naja vielleicht nicht ganz 100 – angehängt.
Na gut, ich hatte also doch Diabetes. Ich konnte mich nicht erinnern das bestellt zu haben! Ok, meine Schwester hatte ja schon Diabetes, aber das war alles was ich über Diabetes wusste.
Eines Tagen kam der Oberarzt um mit mir zu sprechen. Das erste was mir einfiel war das meine Mutter und meine Schwester immer die Spritzen und Nadeln auskochen mussten. Der Herr Oberarzt hat gelacht und meinte, das mache man ja heute nicht mehr so. Heute gibt es einen Pen. Einen Pen? Was ist das bloß? „Das werde ich ihnen morgen zeigen“
Ja und am nächsten Tag kam der Herr Doktor mit einem Pen. Und es war gar nicht so schlimm.
Ich wurde eingestellt auf die konventionelle Insulintherapie. Das heißt ich musste in der Früh und am Abend Mischinsulin spritzen und alle paar Stunden essen. Im Krankenhaus wurde auch gleich eine Kur in Aflenz für mich beantragt. „Dort sind die Spezialisten, die kennen sich da besser aus als wir.“ Leider hat mir damals die Kur nicht sehr viel geholfen. Mein Kopf hatte einfach noch nicht gespeichert was passiert war.
Als ich wieder zu Hause war musste ich mir eine ärztliche Betreuung suchen. Mein Arzt empfahl mir Lainz. Damals hieß es noch so, heute heißt es Hietzing. Bei Lainz denkt natürlich jeder an die Fr. Blauensteiner, die Diabetiker mit Insulin getötet hat. Ok, irgendwann wurden dann meine Werte schlechter. Ein Arzt meinte: „Na gut ihre Remissionsphase ist also auch schon vorbei. “ Meine…. was? Wovon spricht der Arzt? Der hat mich dann aufgeklärt, dass sich die Bauchspeicheldrüse etwas erholt wenn sie Insulin bekommt, aber das bleibt nicht so. Da hat man am Anfang ganz tolle Werte, aber es wird wieder schlechter. Ach so ist das.
Na gut, ich hab dann meinen Diabetes als Ausrede für alles genommen. Ich kann das nicht machen, weil ich habe ja Diabetes. Ich kann dort nicht hin fahren, weil ich habe ja Diabetes. Irgendwann reichte es meinem damaligen Freund und er lies mich alleine mit meinem Jammer zurück. Ich hatte immer angenommen alle müssen auf mich Rücksicht nehmen, aber das machte keiner. Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Ich hasste es wenn alle das gute Abendessen bekamen und ich musste daneben sitzen, da ich ja ½ Stunde warten musste, bis das Insulin wirkte und ich auch essen konnte. Und dann war natürlich alles Gute weg. Ich habe dann in die Rudolfstiftung gewechselt, wo ich heute noch bin und sehr gut betreut werde. Ich hatte das Glück und kam zu einer ganz lieben Ärztin. Und damals hatte ich ja noch immer die konventionelle Insulintherapie. Meine Ärztin hat mir immer gut zugeredet doch auf Basis-Bolus-Insulintherapie um zu steigen. Hier spritzt man ein Basisinsulin und muss dann bei jedem Essen die BEs schätzen und den dementsprechenden Bolus spritzen.
Aber ich blieb stur. Eines Tages bin ich wach geworden und hab mir gedacht: was bin ich doch blöd, ich mach das jetzt auch. Meine Ärztin hat sich gefreut und gleich einen Termin für mich ausgemacht. Also heute könnte ich es mir anders gar nicht mehr vorstellen und ich kann auch heute nicht mehr verstehen, warum ich 5 Jahre für diese Einsicht brauchte. Aber gut, es war halt so.
Irgendwann bin ich im Internet in einem Chat bei Diabetes Austria gelandet und wurde auch Moderator. Dort habe ich auch Bert kennen gelernt und wir haben uns auch gleich als Freunde gut verstanden. Irgendwann erzählte er mir, dass er mit 3 Freunden eine Selbsthilfegruppe leite. Er hat mich dann zu einem Treffen eingeladen.
Ok und so fuhr ich halt zu dem Treffen. Das hinfahren war ja kein Problem, da war es noch hell. Das nach Hause fahren war dann allerdings schon ein Problem, weil da bin ich bei einem Kreisverkehr die falsche Ausfahrt raus gefahren und war dann plötzlich wo, wo ich bei der Hinfahrt nicht war !!!!.
Irgendwann kam der erste Besucher. Er sah etwas wild aus. Die Haare standen ihm kreuz und quer, er war ziemlich übergewichtig und auf seinem T-Shirt stand: zuckersüß Dieses T-Shirt stammte von Peter Hopfinger, dem Inhaber von Diabetes Austria. Ja und da bin ich natürlich gleich in ein Fettnäpfchen getreten. Bert sagte zu mir: „ Das ist Martin. Bauchfrage: was ist er für ein Typ?“ Ich hab auf seinen Bauch geschaut, der sehr groß war und gesagt: „Wenn ich mir den Bauch so anschaue, sage ich Typ 2.“ Tja der Herr sah mich etwas eigenartig an und sprach dann eigentlich nicht sehr viel mit mir. Ich dachte dann, ok das war nicht sehr freundlich. Als ich dann nach Hause fuhr habe ich Martin gefragt, ob er nicht mal in den Chat kommen möchte und dabei auf sein T-Shirt gedeutet.
Ja und Mittwoch war dann mein Chattag. Und wer kam in den Chat? Richtig Martin. Ich hätte es gar nicht erwartet. Wir haben uns dann ausgemacht dass er mich am Samstag besuchen wird. Wir haben uns beim Bahnhof getroffen, denn den wusste er. Wir sind dann zu mir gefahren, ich habe ihm einen Platz am Tisch gezeigt und gesagt: „Das ist dein Platz.“ Und da sitzt er heute noch. Das hat er oft erzählt.
Ja und dann wurde er ehrgeizig und hat 40kg abgenommen. Ok, inzwischen hat er leider wieder 10 kg zugenommen. Ich habe mir natürlich eingebildet ich muss ihn mal zum Essen einladen und was kochen. Ich weiß bis heute nicht was mich auf diese blöde Idee brachte. Das Essen war …, naja vergessen wir das mal, ich habe nämlich keine Ahnung vom Kochen! Und er hat mir dann gestanden dass er eigentlich kochen kann. Seit dem Zeitpunkt gehört die Küche ihm. Wahnsinn was es setzt in der Küche für Dinge gibt, die ich nicht kannte.
Inzwischen sind wir verheiratet und führen gemeinsam die Diabetikerselbsthilfegruppe in Tulln.


Angela Rotter

Angela Rotter

ist Gruppenleiterin

der SHG Tulln