Meine persönliche Geschichte mit Diabetes, Typ I


Ich war endlich mit der Schule fertig, habe schon ein Jahr auf der Bezirkshauptmannschaft Horn gearbeitet und musste im Oktober 1968 – die Tschechenkrise war gerade ausgebrochen – zum Bundesheer einrücken. Achteinhalb Monate später bin ich abgerüstet und war froh, im Juli 1969 wieder ins normale Arbeitsleben zurückzukehren. Als begeisterter Fußballer spielte ich seit meinem 16. Lebensjahr in der Kampfmannschaft des SV Horn. Neben dem Training als Fußballer war ich aber auch sonst sportlich sehr aktiv (Schifahren, Eislaufen, Radfahren, Schwimmen). Im August 1969 fiel mir auf, dass ich trotz gutem Training als Fußballer nicht so leistungsstark war. Ich war öfters matt und nicht so spritzig wie vorher. Außerdem hatte ich immer ein sehr großes Durstgefühl und einen sehr trockenen Mund. In meinem Büro habe ich deshalb häufig Wasser getrunken. Für den Durst habe ich anfänglich die große Hitze im Sommer verantwortlich gemacht. Nachdem mir einige Kollegen erklärten, dass mein großer Wasserkonsum nicht normal wäre, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, warum das so ist und warum meine sportlichen Leistungen zumindest für mich merkbar nachgelassen hatten. Ich wurde dann von einem Bekannten darauf aufmerksam gemacht, dass die geschilderten Symptome typische Anzeichen für Diabetes sind. Daraufhin habe ich mir (1969) ein Buch über Diabetes besorgt – Internet gab es noch lange nicht – und musste nach dieser Lektüre mit Schrecken feststellen, dass die Sache mit dem Diabetes so gut wie sicher war. Schweren Herzens habe ich dann den Amtsarzt auf der BH Horn aufgesucht, der meinen Harn untersuchte. Der gelbe Teststreifen verfärbte sich ganz dunkel; ein schlechtes Zeichen. Da ich an diesem Tag mittags Apfelstrudel gegessen hatte, meinte er Amtsarzt, die Verfärbung des Teststreifens könnte vom Essen sein. Ich solle am nächsten Tag nüchtern zu ihm kommen, was ich auch machte. Viel Hoffnung hatte ich nicht, und das Ergebnis am nächsten Tag war auch nicht besser. Der Harnstreifen verfärbte sich wie am Vortag, und das untersuchte Blut ergab einen Zuckerwert von 240 mg! Die Diagnose des Amtsarztes: „Sie haben Diabetes mellitus.“ Ich war gerade 20 Jahre und durch diese Diagnose psychisch total am Ende. Mich quälten ständig die Fragen: Warum i c h ! Wo ich doch weder dick, noch unsportlich, sondern geradezu das Gegenteil davon war? Was mache ich jetzt mit meinem Leben? Wie lange werde ich mit dem Zucker überhaupt noch leben können? Und so weiter... Hilfe seitens meiner Eltern habe ich in dieser Situation keine erhalten. Warum? Ja, wie die meisten Leute damals hatten auch sie keine Ahnung von der Zuckerkrankheit, war sie ja in unserer Familie noch nie aufgetreten. Ich kannte auch niemanden, der zuckerkrank war und den ich fragen konnte. Das hing auch damit zusammen, dass man damals den Diabetes heimlich behandelte und selten öffentlich zugab. Ich musste also mit meiner Situation ganz alleine fertig werden. Durch die Literatur, die ich mir besorgt hatte, wurde ich auch nicht gerade aufgebaut. Darin handelte das umfangreichste Kapitel nicht von der Behandlung, sondern war den Spätfolgen des Diabetes (Durchblutungsstörungen bis zur Abnahme von Gliedern, Augenschäden bis zur Erblindung, Nierenschäden, etc.) gewidmet. Der Amtsarzt der BH Horn hat öfters versucht, mich aufzubauen und hat mir dann zur Zuckereinstellung das Krankenhaus Eggenburg vorgeschlagen, weil der dortige Primar der Internen Abteilung, Herr Dr. Rankl, selbst Diabetiker war. In der Folge habe ich im Krankenhaus Eggenburg bei Herrn Dr. Rankl und einem zweiwöchigen Aufenthalt die Einstellung des Zuckers durch Insulinspritzen erhalten. Einmal am Tag Insulin spritzen und die Essenseinheiten genauestens einhalten, so musste ich in Zukunft meinen Zucker behandeln. Was sich ein Diabetiker von heute nicht vorstellen kann, ist, wie die damalige „stein-zeitliche“ Versorgung der Krankheit erfolgte: Die damaligen Nadeln waren ca. 5 cm lang und ca. 1 mm dick. Man hatte in einer Metallbox ca. 5 solcher Nadeln, und diese musste man nach deren Gebrauch immer wieder auskochen, um sie weiter benützen zu können. Durch die oftmalige Verwendung der Nadeln waren diese bald stumpf und das Spritzen war damit nicht sehr angenehm, wie man sich sicher vorstellen kann. Es gab 1969 für Diabetiker noch lange keinen Pen, keine Einmalnadeln und auch kein Blutzuckermessgerät. Also ab Herbst 1969 habe ich Insulin gespritzt und mich schön langsam mit dieser Situation abgefunden. Die große Angst vor Spätschäden war damals bei mir ständig vorhanden, was auch ein Grund dafür war, dass ich immer versucht habe, mich genau an die ärztlichen Anweisungen zu halten. Das war nicht immer einfach, war ich doch aktiver Fußballer und ab 1970 als Musiker auch in einer Tanzmusikgruppe tätig. Das Fußballspielen beim SV Horn habe ich 1972 freiwillig aufgegeben, um mich der Musikerkarriere zu widmen. Ich machte neben meinem Beruf eine Ausbildung zum Musiklehrer und war schon ab 1970 in der Musikschule Horn als Lehrer tätig. Später war ich Musiker in der Horner Stadtmusikkapelle, in der Horner Bigband, in einem Akkordeonensemble und auch bei mehreren anderen Formationen. Einen herben Rückschlag im Leben musste ich 1974 erfahren, als mir von meinem Dienstgeber die Pragmatisierung (= Unkündbarstellung) wegen meines Diabetes verweigert worden war. Die Begründung des Personalvorstandes war nicht gerade ermutigend für mich, als er meinte: „Ich werde als Diabetiker wahrscheinlich mit ca. 40 Jahren krankheitshalber in Pension gehen müssen und das Land NÖ müsse dann für mich sorgen.“ - Ein beruflicher Aufstieg war mir damit verwehrt. Das war ein starker psychischer Tiefschlag, an dem ich lange zu leiden hatte! Obwohl ich in meinen bisherigen 8 Jahren Arbeit auf der BH Horn nur 2 Wochen im Krankenstand war (zur Einstellung als Diabetiker!), wurde meine Pragmatisierung abgelehnt. Mein damaliger Chef, Bezirkshauptmann Hofrat Stirling, hat sich sehr für mich eingesetzt und konnte nach längeren Verhandlungen erreichen, dass mir die Pragmatisierung unter der Voraussetzung genehmigt werden würde, wenn ich keinerlei diabetische Schäden aufzuweisen hätte. Deshalb musste ich für 3 Tage in das Allgemeine Krankenhaus Wien, wo ich in ziemlich allen Abteilungen genaueste Untersuchungen über mich ergehen lassen musste. Obwohl das Ergebnis positiv aus-fiel – es konnten keinerlei Schäden an mir festgestellt werden - hielt der Personalchef der NÖ Landesregierung sein Versprechen nicht und lehnte meine Pragmatisierung neuerlich ab. Erst im Jahre 1979, nachdem dieser Personalchef in Pension gegangen war, hat mein Chef sich wieder für mich eingesetzt. Ich musste noch einmal zu einer dreitägigen Untersuchung ins AKH. Da wiederum eine positive Beurteilung vorlag, wurde ich endlich doch pragmatisiert. Die lange Zeit der Diskriminierung als Diabetiker war damit endlich vorbei. Ich glaube mich erinnern zu können, dass es im Jahre 1989 war, als mir Herr OA Dr. Sommer mitteilte, dass der neue Primar der Internen Abteilung des Krankenhauses Horn, Professor Dr. Bratusch-Marrain, eine neue Methode der Diabetesbehandlung (Basis-Bolus) nach Horn gebracht hat. Daraufhin habe ich mich sofort auf diese Methode umstellen lassen, und ich verwende sie heute immer noch. In den kommenden Jahren seit 1989 hat sich die Behandlung des Diabetes wesentlich geändert und auch vereinfacht. Es gibt inzwischen den Pen, die Insulinpumpe, das Blutzuckermessgerät und den HbA1c-Wert. Bis vor einigen Jahren galt der Langzeitwert unter 7,5 als ein guter, das wurde aber bereits geändert. Jetzt soll dieser Wert unter 7,0 liegen. Ich gehe regelmäßig ins Krankenhaus Horn zur Kontrolle und meine letzten beiden Langzeitwerte waren 6,9 und 6,6. Geblieben ist jedoch immer noch die Verantwortung jedes einzelnen Diabetikers für seine Gesundheit. Für mich, der ich mein Leben lang versucht habe, die ärztlichen Vorgaben als Diabetiker einzuhalten, haben sich bis jetzt keine der gefürchteten Spätschäden ergeben. Ich habe 44 Jahre Dienst auf der BH Horn versehen und die Befürchtungen meines Dienstgebers haben sich keinesfalls bestätigt. Ich war in dieser langen Zeit nur ca. 6 Wochen!!! im Krankenstand und das nur zur Neueinstellung als Diabetiker. Abschließend kann ich sagen, dass meiner Ansicht nach heute ein ganz anderes Bild des Diabetikers in der Öffentlichkeit gegeben ist. Es wird im Großen und Ganzen nichts mehr verheimlicht wie früher. Ich für meine Person kann feststellen, dass sich bei mir nach 45 Jahren als Diabetiker meine Genauigkeit insofern ausgewirkt hat, als ich derzeit noch keine diabetische Schäden aufzuweisen habe. Einen großen Anteil daran hat auch meine Frau, der ich sehr dankbar bin. Sie hat sich intensiv mit Diabetes beschäftigt und von den Speisen her viel zu meinem guten Zustand beigetragen. Andererseits war sie es immer wieder, die sehr oft frühzeitig erkannt hat, wenn ich einen bestimmten Pegel an Blutzucker unterschritten habe. Sie hat mich so des Öfteren vor einem drohenden Hypo gerettet. Aus dieser Erfahrung ziehe ich den Schluss, dass es für Diabetiker wichtig ist, zumindest eine Bezugsperson zu haben, die einem hilft, mit den täglichen Problemen des Zuckers zurecht zu kommen. Eine solche habe ich Gottseidank in der Person meiner Frau. Zuletzt kann ich aus Erfahrung sagen, dass man mit den zur Verfügung stehenden sehr guten Hilfsmitteln heute als Diabetiker ein erfülltes Leben führen kann. Ich für meine Person kann auch mit ein wenig Stolz sagen, dass ich trotz meines Diabetes 44 Jahre (1966-2010) als Landesbeamter gearbeitet und es auf der BH Horn zum Fachgebiets(Abteilung-)leiter gebracht habe. Auch nebenberuflich war ich 44 Jahre (1970-2014) in der Musikschule Horn als Musiklehrer, als administrativer Leiter und auch als Musiker tätig. Für diese Arbeit als Kulturvermittler und Musikpädagoge wurde mir vom Herrn Bundespräsidenten 2010 der Berufstitel „Professor“ verliehen. Meine Frau und ich haben 3 erwachsenen Söhne, von denen keiner Diabetiker ist. Da ich bis heute immer auch sportlich unterwegs war und noch bin, kann ich mit 65 Jahren, davon 45 Jahren als Diabetiker, mit meinem Gesundheitszustand recht zufrieden sein; die Ärzte im Landesklinikum Horn sind es auch.

Prof. Franz Ankerl besucht unsere SHG in Horn.